Dr. Gaby Huch | Roedernstraße 49 b | 12623 Berlin | 0172 2736985 | gaby@huch.berlin
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1815

01.01.

Friedrich Wilhelm III. ist in Wien.

 

"Das Weltleben damaliger Zeit erscheint in meiner Erinnerung als ein ziemlich dürftiges und trockenes. Berlin hat seit dem Kriege in der sogenannten Welt an dem Mangel von vornehmen Familien gelitten, die dort aus eigner Wahl lebten, sei es durch gesellige Familien- oder intellektuelle Interessen dahin gezogen. Die Hofgesellschaften bestanden also meist aus Angestellten, sowohl Zivil, als Militär, wenigen Fremden, und den auswärtigen Diplomaten, alle einem beständigen Wechsel unterworfen. … Vor dem Kriege hatten wir zwar eine Menge Minister, keineswegs immer dem Adelsstand angehörend, die ein Haus machten, wenn sie wollten, es aber meist nicht taten, weil sie gar nicht so gestellt waren. Nach dem Kriege wurde die geringere Zahl so gestellt, daß sie ein Haus machen mussten, sie mochten sich darin gefallen oder nicht. … Die ganze erneuerte Organisation unsres so sehr vergrößerten Landes zog ein Heer von Beamten nach sich, deren Notwendigkeit oder Überfluss schon damals viele Kontoverse aufrief, und die den Stamm bildeten zu der vielfach angefeindeten Bureaukratie, die allerdings durch ihren kompakten, geschäftlichen Zusammenhang eine Art von Macht darstellt, deren Missbrauch sich schwer entgegentreten lässt, weil sie andererseits unentbehrlich ist. Diesen Beamten wurde nun ein Rang beigelegt, sie erschienen bei Hofe, woran früher keiner dachte. Dies zog die Frauen nach sich, und so fing nach und nach der vergrößerte Kreis der gesellschaftlichen großen Welt an sich zu bilden, der in neuerer Zeit in die cohue von Tausenden ausgeartet ist, die jetzt mit dem Anspruch erscheinen, an jedem Hoffeste teilzunehmen." (Marwitz)

15.01.

"Vielleicht wird nun die projektierte große Schlittenfahrt oder Schlittage (wie man hier sagt) bei Hof stattfinden, ein Schauspiel, das ich gern gesehen hätte, da man es außer Petersburg vielleicht nirgends schöner sehen kann. Die Anstalten dazu sind sehr groß. Ich weiß mit Sicherheit, daß eine Quaste zu den Fahrleinen ganz in Gold 1.000 fl. Papier oder ohngefähr 250 Rtlr. Conv[entions] Geld kostet und deren sollen eine ganze Menge bestellt sein. ... So wird eine Menge Geld ausgegeben, ohne daß man es nur einmal sieht. Das ist aber die Art des hiesigen Luxus. - Die Kosten, welche der kaiserliche Hof wegen des Kongresses hat, wurden vom September bis Ende Dezember auf 50 Millionen Gulden Papiergeld oder nach dem Cours im Durchschnitt gerechnet zu etwas mehr als 8 Millionen Taler Conventions-Geld angeschlagen, wobei alle Fêten mit eingeschlossen sein sollen." (Stolberg)

07.03.

"Nachricht von der Einschiffung Napol[eons] 26. Febr." (BPH)

10.03.

"Von gestern muss ich noch nachholen, daß gestern Napoleons Flucht der Gegenstand aller Gespräche vom Cour-Zimmer bis in den elenden Straßenwinkel war. Ganz glaubwürdigen Nachrichten zu Folge, hat diese Nachricht große Freude am Hofe des Königs von Sachsen gemacht ... Die dahin abgegangenen F. Metternich, Herz. Wellington und F. Talleyrand sind, so viel bekannt ist, noch nicht zurück." (Stolberg) - Soiree bei der Fürstin Esterhazy - Kronprinz an den König: "Man sieht schon viel junges Volk in der sogenannten deutschen Tracht; sie ist bequem und hübsch, fällt aber noch heftig auf …" (Granier)

25.05.

Abreise in der Nacht nach Berlin, wo Friedrih III. am 30.05. ankommt.

30.05.

"Gleich der nächste Tag (31.5.) brachte der Residenz ein schönes militärisches Fest, indem an die Truppen Berlins teils neue Fahnen, teils der Orden des Eisernen Kreuzes für die älteren Fahnen erteilt wurde." (Cohnfeld)

31.05. bis 21.06.

Der Hof ist in Berlin, Potsdam, Paretz, vor allem aber in Charlottenburg.

22.06.

Abreise des Königs in Begleitung des Prinzen Wilhelm nach Frankreich.

23.06.

Über Treuenbrietzen, Wittenberg, Düben, Delitzsch, Schkeuditz, Merseburg nach Naumburg.

24.06.

Über Weimar, Erfurt, Gotha, Eisenach nach Berka.

25.06.

In Hanau übergibt eine Bergische Deputation "im Namen eines neuen, aber wahrhaft getreuen Volks"  (bestehend aus 8 Fabrikanten, Bürgermeistern und Gutsbesitzern) dem König eine Huldigungsadresse und erinnert darin an die vom König versprochene "gesetzmäßige Repräsentation und … liberale Verwaltung". Sie erhoffen sich von der "milden Regierung" des "königlichen Landesvaters", dass der provisorische  Zwischenzustand ... aufhören, und insbesondere die französischen Gesetze und Gerichts-Verfassung, sowie alles übrige französische Wesen, welches mit dem Geiste und der Wohlfahrt eines deutschen Volkes unverträglich ist, schleunigst abgeschafft werden sollen. Es ist der laute Wunsch unseres Landes, endlich davon ganz befreit, und einer gleich wohltätigen Verwaltungsform, wie Euer Königlichen Majestät übrige Provinzen, teilhaftig zu werden, da wir in jeder Rücksicht ganz Preußen zu sein verlangen." Sie bitten zugleich um Schutzzölle gegen England, um den "tiefgesunkenen Wohlstand" des Berger Landes wieder aufzurichten.

26.06.

Hanau/ Wilhelmsbad.

27.06.

Über Frankfurt nach Speyer in das alliiertes Hauptquartier, Visite bei Kaiser Alexander von Russland und Kaiser Franz I.

28.06.

Nach Rheinzabern (Hauptquartier).

29.06

Nach Weißenburg.

30.06.

Nach Hagenau (Hauptquartier), Ankunft der Deputierten aus Paris.

01.07.

Nach Straßburg und zurück, nach Saverne.

02.07.

Nach Saarburg.

03.07.

Saarburg.

04.07.N

ach Vic.

05.07.

Nach Nancy, feierlicher Einzug der drei Monarchen.

06.07.

Ruhetag für die Truppen; Besichtigung der Stadt.

07.07.

Nach Void.

08.07.

Nach Ligny. Wilhelm an Charlotte: "Hier wurde beschlossen, dass die drei Souveraine mit Extra-Post nach Paris gehen sollten, um früher dort zu sein. Am 9. reiste Papa mit Knesebeck und Kanitz ab." (Granier)

09.07.

Nach St. Diziers  in das Hauptquartier.

10.07.

Nach Paris, wo sich Friedrich Wilhelm III. bis 07.10. aufhält.

11.07.

Besuch mit beiden Kaisern beim König von Frankreich; während seines Aufenthalts in Paris wird der König von A. von Humboldt begleitet - am 11.7. kommt auch der Kronprinz in Paris an.

12.07.

Ausmarsch eines Teils der Truppen in die Gegend um Versailles; in St. Cloud Diner beim König.

18.07.

Nachricht von der Einschiffung Napoleons auf der La Rochefort.

23.07.

An Prinzessin Friederike: "Wir leben hier grade wie voriges Jahr. Alle Abende in die Komödie, den Morgen bis zum Diner haben wir ganz für uns, den wir natürlich anwenden zum Besehen. Den 19. war große österreichische Revue; König und K. Alexander waren in österreichischer Uniform …" (Pagel)

25.07.

 "Die folgende Zeit verging ähnlich wie in Wien mit Truppenbesichtigungen, Spaziergängen, Betrachtung der Sehenswürdigkeiten in und um Paris, Theaterbesuch usw. Der König bewegte sich viel zu Fuß und zu Pferde in der Stadt, obwohl er kurz nach seiner Ankunft eine große Zahl anonymer Warnungs- und Drohbriefe erhalten hatte, daß hier oder dort les régicides l'attendaient." (Malachowski)

08.10.

Nach Landrecy.

09.10.

Nach Brüssel.

11.10.

Aach Aachen.

12.10.

Nach Köln. "Der König war zu seinem unbeschreiblichen Vergnügen unerkannt und unangefochten in Köln angekommen. Mich traf das Los, die ausgelassene Freude der guten Kölner über mich ergehen zu lassen. Kränze und Blumensträußer, Pomeranzen und Apfelsinen flogen von allen Seiten in den Wagen, es war ein reines Bombardement; der Wagen war gefüllt und ich überdeckt mit Laub und Blumen als ich beim Absteigequartier des Königs vorfuhr. Er selbst stand lachend am Fenster ... Nach kurzem Aufenthalt wurde die Fahrt über Bonn nach Remagen fortgesetzt; in Bonn hatte der König den Ärger doppelt, dem er in Köln entgangen war. Schon eine Meile vor der Stadt empfing ihn eine angetrunkene Landwehrkompagnie und das berittene Forstpersonal der Gegend, das wohl ebenfalls in seiner Freude schon vorher das Wohl des neuen Landesherren etwas zu häufig getrunken hatte. Dieses ließ es sich nicht nehmen, den Wagen des Königs zu geleiten; ein wohlbeleibter Oberförster ritt neben dem Schlage und versuchte immer von neuem eine verbindliche Konversation zu machen, von der das meiste gottlob im Wind und Lärm ungehört verhallte. Der König, schon aufgebracht, befahl mir mehrmals, den Mann fortzuschaffen, aber alles Rufen, Winken, alles Gebärden und Zeichen blieben vergeblich; durch den Wirrwarr hörte ich nur ein paar Mal: Bitte recht sehr, es geschieht sehr gern. Nun erblickte der König vor sich ein torartiges hohes Gerüst. Was ist denn das? Ich glaube gar, das ist so ein sapperlotscher Triumphbogen, schalt er, und in der Tat, es war nicht anders: weißgekleidete Mädchen und Jungfrauen, Reden haltende Deputationen mussten empfangen und angehört werden und erhielten schon kein völlig freundliches Gesicht. Aber es sollte noch andres und schlimmeres kommen. Als sich die Tore vom Bonn zeigten, donnerten uns Kanonen entgegen. Friedrich Wilhelm, der sie im Ernste viel eher suchte als scheute, hasste sie wahrhaft als Freudenbegrüßungen; auch unsere Postpferde schienen keine Freude daran zu haben, sie gingen durch, in wildem Sturm durchjagten wir die Straßen und hielten erst auf dem Markt, wo die Bürgergarde aufgestellt war und nebst einer dichtgedrängten Menschenmenge den König erwartete. Seine Geduld war nun völlig erschöpft; entrüstet verließ er den Wagen, begab sich straffen Schrittes mitten  unter das Volk und begann mit lauter, kräftiger Stimme: Ich habe alle Empfangsfeierlichkeiten mir nicht verbeten, sondern ich habe sie ausdrücklich verboten. Den ersten und besten Beweis von Anhänglichkeit hätten Sie mir geben können, wenn Sie diesen meinen Befehl befolgt hätten. Ich hasse die Napoleonischen Empfangsfeierlichkeiten! Noch können Sie keine Liebe und Anhänglichkeit für mich, ich keine für Sie haben; wenn wir erst zehn Jahre zusammen gelebt haben werden, Sie mir ein treues und gehorsames Volk, ich Ihnen ein gerechter und sorgsamer König werde gewesen sein, dann soll es mich freuen, wenn Sie Ihre Freude, mich zu sehen, auch laut werden lassen!" (Malachowski)

13.10.

Nach Wiesbaden.

14.10.

Über Frankfurt nach Fulda. In Frankfurt und Fulda Truppenbesichtigung; herzlicher Empfang durch die Bewohner, Unterhaltung mit Präsidenten von Motz, "wobei er unter anderem äußerte, daß das Fuldische ihm eine besonders wertvolle und liebe Akquisition sei. Jetzt erst erfuhr er mit wahrem Schrecken, daß Fulda nicht mehr preußisch, sondern an Kurhessen abgetreten sei." (Malachowski)

15.10.

Über Berka, Eisenach (Truppenbesichtigungen), Gotha nach Erfurt.

16.10.

Über Weimar,Naumburg, Merseburg nach Delitzsch.

17.10.

Ankunft in Potsdam. Hier "fanden diesmal keine besonderen Festlichkeiten statt, teils weil solche Veranstaltungen durch zu rasche Wiederholung überhaupt an Wert verlieren, teils weil der Feldzug des Jahres 1815 nach der Wendung, die er genommen hatte, nur wie ein  kleiner Nachkrieg angesehen wurde, an dem überdies außer den beiden großen Feldherren, weder die Monarchen noch die anderen Generale einen Anteil hatten. ... Der Mangel an prunkvollen Empfangs-Feierlichkeiten ward auf schöne Weise ersetzt teils durch die Feste, welche der 18. Oktober, als Erinnerungs-Tag der Schlacht bei Leipzig herbeiführte, teils durch ein eigentümliches Familienfest des Königlichen Hauses. Der König vereinte beide festliche Veranlassungen zu einer gemeinsamen Feier. Sonnabend, den 21. Oktober abends, wurde auf seinen Befehl mit sämtlichen Glocken in Berlin das Doppelfest des folgenden Tages eingeläutet, da dieser Tag, nächst seiner Beziehung auf den ruhmvollen Sieg bei Leipzig, zugleich den Eintritt eines neuen Jahrhunderts seit dem Anfange der Dynastie des Hauses Hohenzollern auf dem Preußischen Throne bezeichnete." (Parthey)

18.10.

Der Hof bleibt in Potsdam, Berlin und Charlottenburg.

22.10.

Doppelfest der Schlacht bei Leipzig und Feier des Eintritts eines neuen Jahrhunderts der Dynastie des Hauses Hohenzollern; Einzug des Königs, von Charlottenburg kommend, durch das Brandenburger Tor; Parade der Truppen vom Königlichen Palais bis zum Brandenburger Tor; Gottesdienst im Lustgarten und im Dom; Salutschießen; Festmahl in Charlottenburg; Ankunft der russischen Großfürsten Nikolaus und Michael, am Nachmittag Volksfest auf dem Exerzierplatz in Berlin

24.10.

Ankunft des Kaisers Alexander in Friedrichsfelde. "Der König hatte dafür gesorgt, die Reise seines Kaiserlichen Freundes durch das Preußische Gebiet mit jenen Ehrenbezeigungen zu umgeben, die ihm selbst auf seiner Reise durch Russland zuteil geworden waren. In jeder Stadt, durch welche die Reise des Kaisers ging, waren Truppen stationiert und außerdem standen von Station zu Station Kavallerie-Abteilungen als Ehren-Eskorte für den erlauchten Reisenden bereit. Indessen lehnte der Kaiser alle Ehrenbezeigungen ab und nahm auch die Eskorte nirgend an; nur über die aufgestellten Truppen in den Städten hielt er stets Revue, selbst bei Fackelschein, wenn er des Abends die Stadt passierte." (Klöden)

25.10.

 Am Abend Zeremonienoper (Die Vestalin); Ankunft der Herzogin Katharina von Oldenburg (Schwester des Kaisers), einige Tage später des Erb-Großherzogs von Weimar mit der Großfürstin Maria. "Große Mittags- und Abendtafeln, Bälle, Opern und Paraden wechselten nun in rascher Folge miteinander." (Klöden)

04.11.

Bekanntmachung der Verlobung des Großfürsten Nikolaus mit der Prinzessin Charlotte.

19.11.

Ball im Weißen Saal.

20.11.

Abreise der Kaiserin von Russland nach St. Petersburg, Geleit des ganzen Hofes bis Friedrichsfelde, der danach bis zum Jahresende in Berlin bleibt.

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© Gaby Huch